{"id":212,"date":"2021-04-23T01:18:16","date_gmt":"2021-04-22T23:18:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/?p=212"},"modified":"2021-04-23T01:18:16","modified_gmt":"2021-04-22T23:18:16","slug":"welchen-einfluss-haben-open-space-bueros-auf-die-menschliche-zusammenarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/2021\/04\/23\/welchen-einfluss-haben-open-space-bueros-auf-die-menschliche-zusammenarbeit\/","title":{"rendered":"Welchen Einfluss haben Open Space B\u00fcros auf die menschliche Zusammenarbeit?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>von Maxine St\u00f6ver<\/strong>\u00a0(1. Semester Master Psychologie \u2013 Human Performance in Sociotechnical Systems, Technische Universit\u00e4t Dresden)<br><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das Konzept New Work ist heutzutage in aller Munde. Darunterfallende Modelle wie Open Space B\u00fcros werden besonders bei Start-Ups und j\u00fcngeren Unternehmen immer h\u00e4ufiger eingesetzt. Sie versprechen im besonderen Ma\u00dfe die Kommunikation sowie Kooperation zu f\u00f6rdern. Dabei soll auch eine ansprechende Gestaltung der B\u00fcros einen positiven Einfluss haben. Im Allgemeinen k\u00f6nnen Open Space B\u00fcros als Gro\u00dfraumb\u00fcros verstanden werden, in denen bewusst kaum W\u00e4nde, T\u00fcren oder andere r\u00e4umliche Grenzen eingebaut wurden. Somit sitzen viele Mitarbeitende gemeinsam in einem Raum, um zusammen arbeiten zu k\u00f6nnen. Diese soziale Interaktion soll, anders als in den fr\u00fcher vielfach genutzten Gro\u00dfraumb\u00fcros, zu einer Gruppenintelligenz und zu besseren Ergebnissen f\u00fchren. Besonders infolge der Digitalisierung und durch die immer komplexer sowie dynamischer werdenden Prozesse in Unternehmen, m\u00fcssen Entscheidungen schnell getroffen werden und Informationen untereinander bestm\u00f6glich ausgetauscht werden (Kratzer, 2020). Dementsprechend nutzen etliche Organisationen dieses Konzept bereits oder planen es zuk\u00fcnftig bei neuen B\u00fcrogeb\u00e4uden umzusetzen. Auch in Deutschland ist eine klare Tendenz hin zu Open Space B\u00fcros zu erkennen (Stadler, 2011). Die Allianz Global Digital Factory in M\u00fcnchen hat diesen Trend bereits umgesetzt. Neben Gro\u00dfraumb\u00fcros wurden allerdings zus\u00e4tzlich R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Mitarbeitenden eingerichtet, um je nach Arbeitsstil und Art der Aufgabe auch ungest\u00f6rt arbeiten zu k\u00f6nnen. Dabei wurden bei der B\u00fcrogestaltung kr\u00e4ftige Farben genutzt sowie gem\u00fctliche Ecken mit H\u00e4ngesesseln und Sitzs\u00e4cken eingerichtet. Feste Arbeitspl\u00e4tze bestehen nicht mehr (Allianz SE, 2017).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/files\/2021\/04\/bueroe.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-215\" width=\"587\" height=\"435\" \/><figcaption>Abb. 1: B\u00fcrogestaltung: Allianz Global Digital Factory in M\u00fcnchen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Doch nicht alle Unternehmen setzen die Raumplanung so gut um und gestalten ihre B\u00fcros wie die Allianz. So kamen Studien zu dem Ergebnis, dass die L\u00e4rmbelastung und Ablenkung in Gro\u00dfraumb\u00fcros besonders hoch sind. Dieses wirkt sich zudem auf die Arbeitseffizienz aus (Stadler, 2011; Kratzer, 2020). Auch hinsichtlich der Steigerung der Zusammenarbeit der Mitarbeitenden durch Open Space B\u00fcros gibt es unterschiedliche Aussagen. Dementsprechend ist fraglich, ob diese neuen B\u00fcroformen wirklich zu den gew\u00fcnschten positiven Aspekten f\u00fchren und inwieweit die Gestaltung dieser B\u00fcros einen Einfluss darauf haben kann. Was steckt hinter dem Konzept Open Space B\u00fcro und zu welchen Ergebnissen kommen empirische Befunde?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Bernstein und Turban (2018) untersuchten in ihrer Studie den Einfluss von Open Space B\u00fcros auf die Kommunikation und soziale Interaktion. Dabei betrachteten sie Unternehmen, bevor und nachdem diese ihre B\u00fcrogestaltung hin zu offeneren Arbeitspl\u00e4tzen ohne r\u00e4umliche Grenzen ver\u00e4nderten. Sie nutzen tragbare Sensoren, um die Face-to-Face Interaktion zu messen sowie die Serverdaten bez\u00fcglich der E-Mail und Instant Messaging Nachrichten der jeweiligen Unternehmen. Die Autoren kamen dabei zu interessanten Ergebnissen. Obwohl die Mitarbeitenden sich durch die neuen Open Space B\u00fcros jederzeit sehen konnten, wurden deutlich mehr E-Mails und Instant Messaging Nachrichten verschickt. Die Face-to-Face Interaktion sank um ungef\u00e4hr 70% und wurde durch die virtuelle Kommunikation oftmals ersetzt. Zus\u00e4tzlich sank auch die Produktivit\u00e4t der Mitarbeitenden. Somit wurden genau die Aspekte negativ beeinflusst, welche durch Open Space B\u00fcros gef\u00f6rdert werden sollten (Bernstein &amp; Turban, 2018).<br>Eine weitere Studie befragte Personen aus unterschiedlichen Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit Open Space B\u00fcros gesammelt haben. Dabei kam heraus, dass ein Gro\u00dfteil der Befragten diese Form der B\u00fcros nicht f\u00fcr konzentriertes Arbeiten als geeignet ansehen. Zudem wurde als Grundvoraussetzung eine Unternehmenskultur, die nicht auf Kontrollen seitens der F\u00fchrungskr\u00e4fte ausgerichtet ist, angegeben. Insgesamt herrschte keine generell ablehnende Haltung gegen\u00fcber Open Space B\u00fcros. Als gr\u00f6\u00dfte Nachteile wurden allerdings Unruhe, Mangel an Privatheit und fehlende R\u00fcckzugsr\u00e4ume beschrieben. Durch die enge Verbundenheit dieser Probleme kann zus\u00e4tzlich eine wechselseitige Verst\u00e4rkung entstehen. Wichtig ist dementsprechend eine Gestaltung, die St\u00f6rungen von Mitarbeitenden, die ruhig arbeiten m\u00fcssen, durch L\u00e4rm und Gruppenarbeit einschr\u00e4nkt. Dabei wurde besonders die Notwendigkeit, einer st\u00e4ndigen Anpassung des B\u00fcros an die sich \u00e4ndernden Anforderungen und Bed\u00fcrfnisse, herausgestellt. Die Untersuchung kam ebenfalls zu keinen eineindeutigen Ergebnissen hinsichtlich der Arbeitszufriedenheit in Open Space B\u00fcros. W\u00e4hrend \u00fcber die H\u00e4lfte der Befragten mit ihrer B\u00fcroumgebung zufrieden oder sehr zufrieden waren, gab ein viertel allerdings an unzufrieden oder sehr unzufrieden zu sein. Dabei f\u00fchlen sich Menschen, die mit ihrer Arbeitsumgebung zufrieden sind, insgesamt an ihrem Arbeitsplatz wohler, sind motivierter und leistungsf\u00e4higer (Kratzer, 2020). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Welche weiteren Faktoren die Arbeitsmotivation steigern, haben Hackmann und Oldham bereits 1980 in ihrem Job Characteristics Model dargestellt. Hierbei identifizierten sie f\u00fcnf T\u00e4tigkeitsmerkmale, die Arbeitszufriedenheit beeinflussen sollten. Zu diesen z\u00e4hlten sie Anforderungsvielfalt, Ganzheitlichkeit und Bedeutung der Arbeitsaufgabe, Autonomie sowie R\u00fcckmeldung aus der Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben. Aus diesen resultieren die drei psychologischen Zust\u00e4nde: erlebte Sinnhaftigkeit, erlebte Verantwortlichkeit und Kenntnis der eigenen Arbeitsergebnisse. Die Folgen sind unter anderem eine hohe intrinsische Motivation, Arbeitsleistung sowie Arbeitszufriedenheit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/files\/2021\/04\/hackmann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-217\" \/><figcaption>Abb. 2: Job Characteristics Model nach Hackmann und Oldham (1980)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Besonders das Merkmal der Autonomie kann dabei im Open Space B\u00fcro negativ beeintr\u00e4chtigt werden, wenn viele Mitarbeitende gemeinsam in einem Raum und mit wenig Abstand zwischen ihren Schreibtischen sitzen. Demnach ist es unter anderem wichtig, den Besch\u00e4ftigten unterschiedliche Optionen zu bieten und zeitgleich die Autonomie, zwischen diesen Optionen w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Diese Wahlm\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen einerseits, wie bereits beschrieben, r\u00e4umlicher Natur sein und reichen von verschiedenen Raumzonen \u00fcber Home-Office bis hin zu flexiblen Raumteilern. Andererseits sollten diese auch organisatorisch zur Verf\u00fcgung stehen, damit trotz des hohen Ma\u00dfes an Standardisierung der Arbeitspl\u00e4tze die Anpassung an individuelle Bed\u00fcrfnisse sichergestellt werden kann. Denn je mehr Optionen zur Raumnutzung zur Verf\u00fcgung stehen, desto h\u00f6her ist auch die Zufriedenheit und das Zusammenarbeiten (Kratzer, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Somit lassen sich aufgrund der empirischen Befunde insgesamt keine einheitlichen Aussagen in Bezug auf die Auswirkungen von neuen und offenen B\u00fcrokonzepte auf die Arbeit sowie das Wohlbefinden der Mitarbeitenden treffen. Wie beschrieben nutzen etliche Unternehmen Open Space B\u00fcros, da sie sich einen Zuwachs der Kommunikation und Zusammenarbeit versprechen. Anders als angenommen, konnten diese Annahmen allerdings nicht unterst\u00fctzt werden. Viele Mitarbeitende isolieren sich in den neuen B\u00fcroformen und versuchen generell so besch\u00e4ftigt wie m\u00f6glich zu erscheinen, da sie jederzeit beobachtet werden k\u00f6nnen. Das menschliche Bed\u00fcrfnis nach Privatsph\u00e4re und Autonomie ist durch die neue Situation am Arbeitsplatz zum Teil nur eingeschr\u00e4nkt umsetzbar. Um dennoch daf\u00fcr zu sorgen, dass sich die Mitarbeitenden wohlf\u00fchlen und gut arbeiten k\u00f6nnen, sollte ein Schwerpunkt auf die Gestaltung der B\u00fcros gelegt werden. Besonders die Schaffung von Bereichen, in denen ruhiges und konzentriertes Arbeiten m\u00f6glich ist, stellt eine wichtige Voraussetzung dar. Spielregeln, wie etwa, dass Besprechungen, wenn m\u00f6glich in entsprechenden R\u00e4umen durchgef\u00fchrt werden, k\u00f6nnen zus\u00e4tzlich Mitarbeitenden helfen zufriedener mit dem Open Space Konzept und somit ihrem Arbeitsplatz insgesamt zu sein. Eine R\u00fcckkehr zu den klassischen Gro\u00dfraumb\u00fcros der vergangenen Jahrzehnte sollte somit vermieden werden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><br><br>Allianz SE (2017). <em>Das Ende des Einzelb\u00fcros.<\/em> https:\/\/www.allianz.com\/de\/presse\/news\/unternehmen\/personalthemen\/171229-das-ende-der-einzelbuerozelle-future-of-work.html<br><br>Bernstein, E. S., Turban, S. (2018). <em>The impact of the \u2018open\u2019 workspace on human collaboration.<\/em> Phil. Trans. R. Soc. http:\/\/dx.doi.org\/10.1098\/rstb.2017.0239<br><br>Brehme, T. (2017). <em>Das Open-Space-B\u00fcro als produktiver Arbeitsplatz.<\/em> https:\/\/www.businesswissen.de\/artikel\/arbeiten-im-grossraumbuero-das-open-space-buero-als-produktiver-arbeitsplatz\/<br><br>Hackman, J. R. &amp; Oldham, G. R. (1980). <em>Work redesign.<\/em> Reading, MA: Addison-Wesley.<br><br>Kratzer, N.(2020): <em>Open Space. Besser machen. Eine Praxisbrosch\u00fcre des Projekts PR\u00c4GEWELT \u2013\u201ePr\u00e4ventionsorientierte Gestaltung neuer Open-Space-Arbeitswelten\u201c.<\/em> M\u00fcnchen: ISF M\u00fcnchen. https:\/\/www.isf-muenchen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/PRaeGEWELT-Open-Space-Besser-machen.pdf<br><br>Stadler, S. (2011). <em>Open Space B\u00fcros. Eine Studie \u00fcber die Machbarkeit und Umsetzungoffener B\u00fcrostrukturen. <\/em>Abschlussbericht. D\u00fcsseldorf: Hans B\u00f6ckler Stiftung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Maxine St\u00f6ver\u00a0(1. 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