{"id":98,"date":"2021-03-23T17:49:46","date_gmt":"2021-03-23T16:49:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/?p=98"},"modified":"2021-04-26T22:45:42","modified_gmt":"2021-04-26T20:45:42","slug":"sorgt-die-corona-krise-fuer-einen-boom-anweiblichen-fuehrungskraeften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/2021\/03\/23\/sorgt-die-corona-krise-fuer-einen-boom-anweiblichen-fuehrungskraeften\/","title":{"rendered":"Sorgt die Corona-Krise f\u00fcr einen Boom an weiblichen F\u00fchrungskr\u00e4ften?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von Clarissa Arlinghaus<\/strong> (1. Semester Master Psychologie \u2013 Human Performance in Socio-Technical Systems, Technische Universit\u00e4t Dresden)<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Corona-Pandemie stellt Politik, Wirtschaft und Privatleben vor enorme Herausforderungen und ist gleichzeitig der Anfang einer neuen Zeit. Entstehen hierdurch neue Chancen f\u00fcr Frauen in F\u00fchrungspositionen?  Wie wirkt sich Corona mit Blick auf die gl\u00e4serne Klippe aus? <br><br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/files\/2021\/03\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-104\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Forschungsergebnisse zeigen eine Bevorzugung von Frauen in unsicheren Zeiten, sodass ung\u00fcnstige Umst\u00e4nde die Chance auf F\u00fchrungspositionen f\u00fcr Frauen erh\u00f6hen (Sergent &amp; Stajkovic, 2020; Kulich, Lorenzi-Cioldi, Iacoviello, Franilko &amp; Ryan, 2015). Frauen, die die gl\u00e4serne Decke (engl. glass ceiling) durchbrechen, finden sich oft in prek\u00e4ren F\u00fchrungspositionen wieder, die mit begrenzten M\u00f6glichkeiten und einem erh\u00f6hten Risiko des Scheiterns einhergehen. Dieses Ph\u00e4nomen wird als <em>gl\u00e4serne Klippe<\/em> (engl. glass cliff) bezeichnet und konnte in Meta-Analysen nachgewiesen werden (Morgenroth, Kirby, Ryan &amp; Sudk\u00e4mper, 2020). Es stellt sich die Frage, ob aufgrund der Corona-Krise mit einem erheblichen Anstieg an Frauen in problematischen F\u00fchrungsverh\u00e4ltnissen zu rechnen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ergebnisse aus Meta-Analysen sprechen daf\u00fcr. In Krisen werden Frauen aufgrund von Geschlechterstereotypen eher f\u00fcr F\u00fchrungspositionen ausgew\u00e4hlt (Morgenroth, Kirby, Ryan &amp; Sudk\u00e4mper, 2020). Stereotypisch weibliche Eigenschaften werden in schwierigen Zeiten als wichtige Merkmale einer F\u00fchrungskraft angesehen, weshalb Frauen h\u00e4ufiger in schlecht laufenden Unternehmen zur F\u00fchrung bestimmt werden (Kulich, Lorenzi-Cioldi, Iacoviello, Franilko &amp; Ryan, 2015). Au\u00dfergew\u00f6hnliche Umst\u00e4nde aktivieren eine stereotypische Wahrnehmung von Frauen als ehrliche, vertrauensw\u00fcrdige und kompetente Wesen, was zu einer erh\u00f6hten \u00f6ffentlichen Unterst\u00fctzung f\u00fcr Frauen in politischen \u00c4mtern f\u00fchrt. Die Corona-Pandemie hat als Ausnahmezustand das Potential, die Repr\u00e4sentation von Frauen zu f\u00f6rdern (Piazza &amp; Diaz, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Frauen werden zu F\u00fchrungskr\u00e4ften ernannt, um nach au\u00dfen Ver\u00e4nderungen zu signalisieren und sich von der alten F\u00fchrung zu distanzieren (Morgenroth, Kirby, Ryan &amp; Sudk\u00e4mper, 2020). Weibliche Pr\u00e4senz kann in Krisenzeiten vorteilhaft sein. Oft ist es jedoch nur eine strategische Entscheidung, eine nicht-traditionelle F\u00fchrungskraft als neuen Ansatz einzusetzen. Im Vordergrund steht hierbei das symbolische Potential zur Ver\u00e4nderung statt des realen Potentials sowie eine positive Beeinflussung von Investoren (Kulich, Lorenzi-Cioldi, Iacoviello, Franilko &amp; Ryan, 2015).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.tu-dresden.de\/arbeitspsychologie\/files\/2021\/03\/4895162-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-99\" width=\"546\" height=\"363\" \/><figcaption><span class=\"has-inline-color has-cyan-bluish-gray-color\">Quelle: https:\/\/www.freepik.com\/free-vector\/hand-drawn-female-team-leader_12177817.htm#query=female-leader&amp;position=29<\/span><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine neue F\u00fchrungsstrategie kann ein proaktiver Weg zur Bew\u00e4ltigung einer Krise sein. Grundlage hierf\u00fcr ist, dass die missliche Lage einer fehlerhaften F\u00fchrung zugeschrieben wird. Bei schlechter Unternehmensleistung werden Frauen eher zu F\u00fchrungspositionen berufen, wenn die Krise auf eine interne, kontrollierbare Ursache (z.B. mangelhafte F\u00fchrung) zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Hingegen werden bei einer externen, unkontrollierbaren Ursache (z.B. globale Wirtschaftskrise) in geschw\u00e4chten Unternehmen Frauen seltener als F\u00fchrungskraft ausgew\u00e4hlt (Kulich, Lorenzi-Cioldi, Iacoviello, Franilko &amp; Ryan, 2015). Da viele wirtschaftliche Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Corona nicht auf schlechte Managementpraktiken beruhen, ist allerdings nicht mit deutlich mehr Frauen in herausfordernden F\u00fchrungspositionen von Unternehmen zu rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Aktuelle Meinungsumfragen belegen eine gro\u00dfe Unzufriedenheit mit politischer F\u00fchrung und deren Umgang mit Corona. Daher k\u00f6nnte es im politischen Bereich zu einer Bevorzugung von Frauen kommen (Piazza &amp; Diaz, 2020). Verst\u00e4rkt wird dies durch die positive Berichtserstattung \u00fcber die Pandemiebew\u00e4ltigung in frauengef\u00fchrten Regionen (Piazza &amp; Diaz, 2020). Bundeskanzlerin Merkel wird z.B. \u00f6ffentlich f\u00fcr wissenschaftliche Fundierung, umfangreiches Testen, Transparenz, strenge Kontakt- und Reisebeschr\u00e4nkungen sowie ihre Appelle an die \u00d6ffentlichkeit zur Einhaltung der Vorschriften gelobt (Mahdawi, 2020, zitiert nach Piazza &amp; Diaz, 2020).<br>Bei Betrachtung der USA f\u00e4llt auf, dass US-Bundesstaaten mit weiblicher F\u00fchrung weniger Todesf\u00e4lle zu beklagen haben als von M\u00e4nnern gef\u00fchrte US-Staaten. Aufgrund empathischerer und vertrauensvollerer Kommunikation hielten sich mehr Personen an die Aufforderung, zuhause zu bleiben (Sergent &amp; Stajkovic, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in L\u00e4ndern mit m\u00e4nnlicher Regierung f\u00fchrte die Corona-Pandemie zu hohen Vertrauensverlusten in der Bev\u00f6lkerung. Zudem wird Gesundheit oftmals als Frauenthema angesehen. Frauen k\u00f6nnten als Pandemie-Vorbilder gelten, was die Wahlaussichten von Politikerinnen verbessern w\u00fcrde (Piazza &amp; Diaz, 2020). Eine Meta-Analyse zeigte, dass der Effekt der gl\u00e4sernen Klippe eher in der Politik als in der Wirtschaft eine Rolle spielt (Morgenroth, Kirby, Ryan &amp; Sudk\u00e4mper, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Frauen regieren eher in L\u00e4ndern mit gut funktionierender Demokratie und hoher staatlicher Kapazit\u00e4t. Zwischen von M\u00e4nnern und von Frauen gef\u00fchrten OECD-L\u00e4ndern konnten signifikante Unterschiede in Bezug auf transparente Gesetze, unparteiische Verwaltungen, Vertrauen, wahrgenommene Korruption, Sozialausgaben und Lebenszufriedenheit ermittelt werden. Solche Faktoren erleichtern es Regierungen, auf Pandemien ad\u00e4quat zu reagieren. Vergleicht man jedoch nur die L\u00e4nder mit hoher Kapazit\u00e4t untereinander, stellt man eine vergleichbare Corona-Todesrate unabh\u00e4ngig vom Geschlecht der politischen F\u00fchrungskraft des Landes fest (Piscopo, 2020). Folglich sollten staatliche Kapazit\u00e4ten erh\u00f6ht werden, um ein Scheitern der Regierenden zu vermeiden.<br><br>Zusammenfassend ist auf politischer Ebene ein Anstieg von weiblich besetzten prek\u00e4ren F\u00fchrungspositionen eher in politischen \u00c4mtern von L\u00e4ndern mit niedriger staatlicher Kapazit\u00e4t zu erwarten. Im wirtschaftlichen Kontext ist somit eine Zunahme von Frauen in problematischen F\u00fchrungsverh\u00e4ltnissen deutlich weniger wahrscheinlich.<br><br>Weil Misserfolge bei M\u00e4nnern eher auf \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde und bei Frauen eher auf pers\u00f6nliche Vers\u00e4umnisse geschoben werden, birgt die gl\u00e4serne Klippe die Gefahr, Stereotypisierung und Ungleichheit zu versch\u00e4rfen (Morgenroth, Kirby, Ryan &amp; Sudk\u00e4mper, 2020).&nbsp; Eine weitere Gefahr besteht darin, dass weibliche F\u00fchrungskr\u00e4fte zu Ikonen der Pandemie gemacht werden k\u00f6nnten, was durch das Anhalten und Zuspitzen der Pandemie zu mehr Ablehnung gegen\u00fcber Frauen in F\u00fchrungspositionen f\u00fchren k\u00f6nnte (Piscopo, 2020).<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><br><br>Kulich, C., Lorenzi-Cioldi, F., Iacoviello, V., Faniko, K. &amp; Ryan, M. K. (2015). Signaling change during crises: Refining conditions for the glass cliff. <em>Journal of Experimental Social Psychology, 61<\/em>, 96-103. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.jesp.2015.07.002\">http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.jesp.2015.07.002<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Morgenroth, T., Kirby, T. A., Ryan, M. K., &amp; Sudk\u00e4mper, A. (2020). The who, when, and why of the glass cliff phenomenon: A meta-analysis of appointments to precarious leadership positions. <em>Psychological Bulletin<\/em>, 146(9), 797-829. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1037\/bul0000234\">http:\/\/dx.doi.org\/10.1037\/bul0000234<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Piazza, K. S. &amp; Diaz. G. (2020). Light in the midst of chaos: COVID-19 and female political representation. <em>World Development, 136<\/em>, 105125. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.worlddev.2020.105125\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.worlddev.2020.105125<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Piscopo, J. M. (2020). Women leaders and pandemic performance: A spurious correlation. <em>Politics and Gender, 16<\/em>, 951-959. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/S1743923X20000525\">https:\/\/doi.org\/10.1017\/S1743923X20000525<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Sergent, K. &amp; Stajkovic, A. D. (2020). Women\u2019s leadership is associated with fewer death during the COVID-19 crisis: Quantitative and qualitative analyses of United States governors. <em>Journal of Applied Psychology, 105(8),<\/em> 771-783. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1037\/apl0000577\">http:\/\/dx.doi.org\/10.1037\/apl0000577<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Clarissa Arlinghaus (1. Semester Master Psychologie \u2013 Human Performance in Socio-Technical Systems, Technische Universit\u00e4t Dresden) Die Corona-Pandemie stellt Politik, Wirtschaft und Privatleben vor enorme Herausforderungen und ist gleichzeitig der Anfang einer neuen Zeit. Entstehen hierdurch neue Chancen f\u00fcr Frauen in F\u00fchrungspositionen? 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